Notfallwiederherstellung (Disaster Recovery) ist der Plan für den Fall, dass der ganze Standort, die ganze Infrastruktur oder die Kerndaten betroffen sind. Der Unterschied zur Hochverfügbarkeit: Bei der Hochverfügbarkeit fällt eine Komponente aus; hier fällt alles aus.

Die Stufen

NIVEAU 0: Kein Plan
  Wird durch die Realitaet erzwungen.

NIVEAU 1: Sicherung + Wiederherstellung am selben Ort
  Geeignet fuer: alles, was nicht kritisch ist
  Wiederherstellungszeit: Tage
  # Faellt der Standort aus, ist alles verloren.
  # Akzeptabel fuer viele interne Dienste.

NIVEAU 2: Sicherung ausser Haus
  Bandsicherung oder Kopie in anderem Rechenzentrum
  Wiederherstellungszeit: Stunden bis Tage
  # Der wichtigste Schritt ueberhaupt: Die Sicherung
  # darf nicht am selben Ort liegen.
  # Und: Hardware fuer die Wiederherstellung braucht
  # es auch! "Wir holen neue Server" dauert Wochen.

NIVEAU 3: Ersatzrechenzentrum, warm
  Technik vorhanden, wird regelmaessig aktualisiert
  Wiederherstellungszeit: Stunden
  # Erfordert regelmaessige Synchronisation.
  # Ein "warmes" Rechenzentrum, das seit Monaten
  # nicht aktualisiert wurde, ist "kalt".

NIVEAU 4: Ersatzrechenzentrum, aktiv/aktiv
  Beide Standorte in Betrieb
  Wiederherstellungszeit: Minuten bis Sekunden
  Datenverlust: abhaengig von der Replikation
  # Teuer und betriebsintensiv (doppelte Systeme,
  # doppelte Aenderungen, Datensynchronisation).
  # Nur fuer echt geschaeftskritische Dienste.

Realitaet: Man braucht NICHT fuer alles das hoechste
Niveau. Die Kunst ist die Zuordnung:
  Bestellabwicklung         Niveau 4
  Kundenportal              Niveau 3
  Buchhaltung               Niveau 2-3
  Firmenwiki                Niveau 1-2
  Testumgebung              Niveau 0-1
  # Diese Zuordnung muss von der Geschaeftsleitung
  # ENTSCHIEDEN werden, nicht von der IT.
  # Die IT kann die Kosten und Zeiten nennen.

Der Plan: was hineingehört

Ein Notfallplan, der im Ernstfall nutzbar ist, hat
folgende Teile - auf maximal 10 Seiten:

1) AUSLOESEKRITERIEN
   Wer entscheidet, dass es ein Notfall ist?
   # Ein Notfall ist es, wenn:
   #   - Ein Standort nicht mehr verfuegbar ist
   #   - Kerndaten unverfuegbar oder verloren sind
   #   - Ein Angriff die Kontrolle uebernommen hat
   #   - Ein Dienst laenger als (definierte Zeit) ausfaellt
   # Wichtig: Die Entscheidung kann auch in Stufen
   # (Teilnotfall) getroffen werden - das senkt die
   # Hemmschwelle, den Plan auszuloesen.

2) ANSPRECHPARTNER (Telefon!)
   Nach Namen, Rolle, Telefonnummer (mobil!).
   Mit Vertretung - wer ist krank, im Urlaub, nicht
   erreichbar?
   # NICHT nur E-Mail. Bei einem Ausfall des
   # Mailservers nutzt sie nichts.
   # Die Liste muss AUF PAPIER und im Portemonnaie
   # sein. Kein Notfallplan, der nur in einem Wiki
   # steht - das Wiki ist Teil der ausgefallenen Infrastruktur!

3) ABLAUF (im Detail)
   - Wer meldet? (Alarm, Meldung, Nutzeranruf)
   - Wer fuehrt? (eine Person, nicht ein Gremium)
   - Reihenfolge der Wiederherstellung
     (Was zuerst? Meist: Netz, Anmeldung, DNS,
      dann Fachanwendungen)
   - Wer spricht mit wem (Kunden, Behoerden, Presse)
   # Die Reihenfolge ist entscheidend und wird oft
   # falsch geplant: Wer die Datenbank zuerst
   # wiederherstellt, aber kein DNS hat, kann
   # nichts erreichen.

4) ZUGANG ZU DEN RESSOURCEN
   - Wo liegen die Sicherungen?
   - Zugangsdaten: WIE kommt man an sie, wenn die
     Infrastruktur weg ist? (Passwort-Safe offline!)
   - Wo bekommt man Ersatzhardware? (Rahmenvertrag!)
   - Zugang zum Rechenzentrum / Cloud-Konsole
   # Der Klassiker: Die Zugangsdaten liegen in einem
   # Passwort-Safe in der Cloud, dessen Anmeldung
   # ueber das ausgefallene Anmeldesystem laeuft.
   # Notfallzugangsdaten MUESSEN unabhaengig erreichbar sein.

5) KLASSIFIZIERUNG DER SYSTEME
   Was zuerst? Nach Abhaengigkeiten UND Geschaeftsnutzen.
   # Praktisch: Nummerierte Liste. 1 bis 30.
   # Die ersten 5 entscheiden ueber das Ueberleben
   # des Unternehmens.

6) WIEDERHERSTELLUNGSVERFAHREN
   Je System: konkrete Schritte, ohne Interpretation.
   # Nicht "Datenbank wiederherstellen", sondern
   # "1) Instanz starten, 2) psql -h ..., 3) pg_restore
   # -d produktion /sicherung/db.dump, 4) Pruefen mit
   # SQL-Abfrage X (Ergebnis muss N Zeilen liefern)".
   # Im Stress liest niemand Dokumentation, die
   # Interpretation erfordert.

7) NOTBETRIEB
   Wie arbeitet das Unternehmen, wenn die IT laenger
   ausfaellt?
   - Rechnungen per Hand?
   - Bestellungen auf Papier mit spaeterer Erfassung?
   - Kundenkommunikation ueber Durchsage?
   # Ohne Notbetrieb ist die IT-Wiederherstellung
   # der einzige Weg - und das ist unrealistisch.

Üben: der wertvollste Teil

# Ein Notfallplan, der nie geprueft wurde, ist eine
# Absichtserklaerung. Die Uebung deckt genau die
# Luecken auf, die im Ernstfall Zeit kosten.

# ABLAUF EINER UEBUNG (halbtaegig):
#   1. Szenario festlegen
#      "Standort A ist nicht verfuegbar. Zwei Teams
#       haben keinen Zugang, kein Strom, kein Netz."
#   2. Rollen besetzen (Fuehrung, Technik,
#      Kommunikation)
#   3. Einen Beobachter bestimmen (Zeitstempel!)
#   4. Durchfuehren - moeglichst realistisch
#   5. Zeitstempel auswerten (wo ging Zeit verloren?)
#   6. Massnahmen festhalten mit Verantwortlichen
#
# WICHTIG: Nicht die Wiederherstellung des
# ganzen Systems ueben (zu aufwendig), sondern die
# SCHRITTE 1-5 der Notfallliste. Die ersten
# 60 Minuten sind entscheidend.
#
# HAEUFIGE BEFUNDE AUS UEBUNGEN:
#   - Die Ansprechpartnerliste ist veraltet
#   - Zugangsdaten sind nicht erreichbar
#   - Niemand kennt die Reihenfolge der Wiederherstellung
#   - Die Sicherung ist nicht vollstaendig
#   - Die Wiederherstellung dauert laenger als angenommen
#   - Zwei Personen haben dieselbe Aufgabe angenommen
#   # Diese Befunde im Frieden zu finden ist deutlich
#   # guenstiger als im Ernstfall.

# MESSEN, was die Uebung ergeben hat:
#   - Zeit bis zum Plan (Ausrufen des Notfalls)
#   - Zeit bis zur ersten Verfuegbarkeit
#   - Zeit bis zur vollstaendigen Verfuegbarkeit
#   - Zahl der Abweichungen vom Plan
#   # Diese Zahlen mit den Zielen (RTO) vergleichen.
#   # Abweichungen sind die Arbeitsliste fuer
#   # die naechsten Monate.

Prüfliste

  1. Ist das Wiederherstellungsniveau je Dienst festgelegt und von der Leitung entschieden?
  2. Liegt eine Sicherung außer Haus – und ist sie nutzbar?
  3. Gibt es einen Notfallplan auf Papier (nicht nur im Wiki)?
  4. Sind die Ansprechpartner mit Mobilnummern erfasst – und aktuell?
  5. Sind die Notfallzugangsdaten unabhängig erreichbar (offline)?
  6. Ist die Wiederherstellungsreihenfolge festgelegt und begründet?
  7. Sind die Schritte je System konkret genug für jemanden im Stress?
  8. Gibt es einen definierten Notbetrieb ohne IT?
  9. Gibt es Rahmenverträge für Ersatzhardware (mit Lieferzeit)?
  10. Wurde in den letzten 12 Monaten geübt – mit Zeitmessung?
  11. Sind die Erkenntnisse aus der Übung in Maßnahmen überführt?
  12. Weiß jede beteiligte Person, wo die Ansprechpartnerliste ist?

Häufige Fehler

  1. Plan nur digital. Der Notfallplan liegt in dem System, das ausgefallen ist. Papier (oder ein zweites, unabhängiges System) ist Pflicht.
  2. Zugangsdaten nicht erreichbar. Der Passwort-Safe läuft über das ausgefallene Anmeldesystem oder braucht MFA über ein Handy im gesperrten Gebäude.
  3. Keine Ersatzhardware. „Wir kaufen dann neue Server“ – Lieferzeit Wochen. Ein Rahmenvertrag mit definierter Lieferzeit gehört in den Plan.
  4. Sicherung liegt am selben Ort. Der häufigste Grund für Totalverluste.
  5. Reihenfolge falsch geplant. Fachanwendung ohne DNS oder ohne Anmeldung ist nutzlos.
  6. Dokumentation mit Interpretation. Im Stress braucht man Schritte, keine Beschreibungen von Architektur.
  7. Kein Notbetrieb definiert. Ohne ihn ist der Druck auf die Wiederherstellung unrealistisch hoch – und Fehler passieren.
  8. Nie geübt. Der Plan liest sich gut und funktioniert nicht.
  9. Nur die Technik geübt. Die Entscheidungs- und Kommunikationswege sind im Ernstfall der kritischere Teil.
  10. Niveau für alles gleich hoch. Fünf Neunen für das Firmenwiki: unbezahlbar und nutzlos. Die Zuordnung ist die eigentliche Kunst.

Verwandte Grundlagen: Datensicherung, Ausfallsicherheit, Vorfallbehandlung, Backup.